Der Islam und der Westen

Passen der Islam und der Westen zusammen? Gehört der Islam inzwischen sogar zu Deutschland? Oder haben wir ein Islam-Problem? Können Muslime sich denn überhaupt in unsere Gesellschaften integrieren? In zwölf Gesprächen beleuchten Experten aus Europa, den USA und islamischen Ländern diese Fragen aus ganz verschiedenen Perspektiven. Vom Bildungsbereich über Psychologie, Gesellschaft und Politik bis hin zu ganz konkreten Themen wie dem Schutz bedrohter Frauen, Sinn und Unsinn der Einführung islamischer Finanzprodukte oder der militärischen Bekämpfung des Dschihadismus.

Es ist gerade die Vielfalt der Blickwinkel auf den Islam und wie mit dem Thema umzugehen ist, die dieses Buch auszeichnen. Wichtig ist dabei nicht, welches Bild jemand vom Islam hat und welche Lösungsvorschläge sich ihm aufdrängen. Wichtig ist, dass wir beginnen, uns dieses Bild selbst zu machen.

Mit Beiträgen von:

Gavin Boby - Alev Inan - Sabatina James - Manfred Kleine-Hartlage - Hüseyin Kocak - Daniel Pipes - Paul Scheffer - Rebecca Schönenbach - Nicolai Sennels - Ali Sina - Thomas Tartsch - Udo Ulfkotte

Juni 2012
Rezension:

Franz STÜHLING

Der Islam und der Westen

Stresemann Stiftung, 131 Seiten, ca. € 14,--, ISBN 978-3-8442-3242-4


Steht der Islam im Gegensatz zu den drei Grundwerten der Bundesrepublik Deutschland: Einigkeit, Recht und Freiheit? Dieser Frage geht der Herausgeber in seinem Vorwort nach.

In zwölf Interviews zeigt dieses Buch die Konsequenzen der muslimischen Zuwanderung und die grundsätzlichen kulturellen Unterschiede zweier Welten in Europa auf.

Basiert die Kultur des Westens auf Freiheit und Gleichheit in allen Lebensbereichen, von der Religion bis zur Rechtsprechung, so steht die Kultur des Islam für die Unterwerfung des Individuums unter Normen für nahezu jeden Lebensbereich. Islam bedeutet in der wörtlichen Übersetzung „Unterwerfung unter Gott“ bzw. „völlige Hingabe an Gott“.

Aufgrund dieser diametralen Zugangsweisen zu zentralen Werten und ihrem Menschenbild sind bei einer Vermischung der beiden Kulturen Konflikte absehbar, beginnend mit der Segregation der migranten Gesellschaft bis hin zur völligen Ablehnung der Strukturen des Gastlandes.

Alev Inan, Pädagogin und Mitarbeiterin des Projekts „Islam und Medien“, sieht den Grund für die Segregation muslimischer Zuwanderer in den Forderungen und Aktivitäten der islamischen Organisationen, die einer strengen Koranauslegung folgen („Verbandsfunktionäre und der Islam“). So werden muslimische Kinder zumeist von Unterrichtsfächern wie Sport, Sexualkunde oder Kunst (bildliche Abbildung von Menschen) abgemeldet und sie nehmen auch nicht an Klassenfahrten teil, da dies nicht der islamischen Lebensweise entspricht. Eine direkte Kommunikation deutscher Institutionen scheitert oft an Kontroversen innerhalb der islamischen Organisationen über die Frage: „Wer vertritt wen?“

Paul Scheffer, ein niederländischer Sozialwissenschaftler, analysiert seit dem Jahr 2000 die Migration und Integration in seiner Heimat, findet aber in zahlreichen europäischen Vergleichsstudien ein deckungsgleiches Bild („Auf der Suche nach einem neuen Gesellschaftsvertrag“).  Als zentrale Aufgabe sieht Scheffer nicht die Einbürgerung von Migranten, sondern den Schritt von der Einbürgerung zur Bürgerschaft in unserer Gesellschaft. Ein direkter Übergang von der Migration in den Versorgungsstaat mit allen seinen Einrichtungen ist hier der größte Hemmschuh für die Integration.

Nicolai Sennels ist Psychologe und betreute von 2005 bis 2008 kriminelle Jugendliche im Kopenhagener Jugendgefängnis Søderbro mit 70 % muslimischen Insassen. Aufgrund der Publikation seiner Erfahrungen wurde er aus dem Staatsdienst entlassen. „Die Integration von Muslimen ist nicht möglich“, ist seine markanteste These. Sennels bricht mit Mythen, wie „Kulturelle Unterschiede spielen in der Integration keine Rolle“. Er leugnet nicht, dass persönliche und soziale Probleme zu asozialem Verhalten führen, stellt aber fest, dass dies auch im Umkehrschluss stimmt. Muslime – ob zugewandert oder bereits im Westen geboren – wachsen in starken autoritären Verhältnissen mit klaren Verhaltensregeln auf.  Der westliche Weg der Kompromisse wird als Schwäche ausgelegt. Mangelnde sprachliche Kompetenz, Ablehnung westlicher Werte und ein frühes Vorstrafenregister führen direkt zu asozialem Verhalten und somit in die Armut. Keine einzige europäische Studie unterstützt den Glauben an eine konfliktarme Integration, Milliarden Euro und ungezähltes Humankapital werden investiert, dennoch wachsen die Probleme an.

Dr. Thomas Tartsch, Sozialwissenschaftler und politischer Berater, erläutert in „Der Dschihad gegen den Westen hat gerade erst begonnen“, dass „Dschihad“ nicht der „Heilige Krieg“ ist, sondern die Ausweitung des Islam durch das islamische Recht, die Scharia. Die größte Gefahr für den Westen ist der Mediendschihad und der „Marsch durch die Institutionen“, die Ablöse des westlichen „postheroischen Zeitalters“ durch heroische Mentalitäten. Eine zielführende Auseinandersetzung damit gilt jedoch in Europa als politisch nicht korrekt.

Auch für Manfred Kleine-Hartlage, Sozialwissenschaftler und Berliner Blogger, der mit seinem Buch „Das Dschihadsystem“ schlagartig bekannt wurde,  gilt: „Der Islam ist ein Dschihadsystem“. Kulturelle Selbstverständlichkeiten, wonach Politik und Religion im täglichen Leben und Denken verschiedene Dinge sind, gibt es im Islam nicht. Aber durch diese Brille betrachten wir den Islam. Die islamische Brille unterscheidet streng zwischen Gläubigen und Ungläubigen und identifiziert sich mit der eigenen Gruppe in einem Maße, wie es in der westlichen Gesellschaft nicht mehr üblich ist. Das eigene sich-in-Frage-stellen kennt die islamische Kultur nicht. Auch das ist eine kulturelle Selbstverständlichkeit.

Daniel Pipes, ein US-amerikanischer Islamwissenschaftler und politischer Berater, setzt sich seit langem mit dem Islam und dem Islamismus auseinander. In „Den Islamismus können nur Muslime überwinden“ stellt Pipes fest, dass in den USA keine muslimische Ballungszentren mit einer vergleichbaren Segregation wie in Europa bestehen. Pipes sieht den Grund dafür in den schlanken Sozialleistungen durch den Staat, die die Migranten stark zu Unternehmensgründungen anregen.
Dies sieht Hüseyin Kocak, Mandatar im Kreisrat Kaiserslautern, ebenso in „Europa verändert die Muslime“. Die Integration ist nicht über den Sozialstaat, sondern über den Arbeitsmarkt zu erreichen, so Kocak. Die Linke gewährt den Muslimen einen „Kulturrabatt“, jedoch stehen die Muslime selbst in der Pflicht, den Islam europäisch zu machen. Weder die Politik noch die Mehrheitsbevölkerung kann etwas bewegen.

Ali Sina ist einer der bekanntesten Islamkritiker der USA und Ex-Muslim. In seinem Interview „Mohammed ist der einflussreichste Mensch der Geschichte“ setzt er sich kritisch mit der Person des Religionsgründers auseinander. Neben seinen Internetauftritten (www.alisina.org) bzw. seiner Internetdokumentation „Islam – what the West needs to know“ plant Sina einen publikumswirksamen Film über Mohammed, trotz der sich daraus ergebenden Gefahren für Leib und Leben.   

Udo Ulfkotte gilt als einer der bekanntesten provokanten Islamkritiker Deutschlands. Mit  „Die Mehrheit der Muslime ist islamophob“ zeigt Ulfkotte die innere Zersplitterung der islamischen Glaubensrichtungen auf und sieht den Ursprung der Islamophobie im arabischen Raum. „Die Debatte über den Islam entwickelt sich nicht. Sie wird immer wieder abgewürgt. Wir erwürgen uns damit aber ganz langsam selbst.“ (S. 99) Sogenannten Vorurteilsforschern geht es nicht um die Islamophobie, sondern um politische Korrektheit, die immer mehr zunimmt. Letztendlich wird das Thema aber keine Rolle mehr spielen, wenn die absehbaren Staatsbankrotte in der EU eintreten werden, kein Geld mehr zum Retten oder Verteilen vorhanden sein und der Verteilungskampf beginnen wird. Denn dies wird Flüchtlingsströme von Moslems aus Europa in die Heimatstaaten zur Folge haben, meint Ulfkotte.

Rebecca Schönenbach ist publizierende Spezialistin für Islamic Finance und deren Finanzprodukte. In „Muslime lachen über zinsfreies Wirtschaften“ setzt sie sich mit jenen Bestrebungen auseinander, die zum Ziel haben das Finanzsystem Scharia-gerecht zu entwickeln, sieht dies aber, wahrscheinlich am kritischen Hinterfragen der Muslime selbst, scheitern.

Gavin Boby, britischer Anwalt, versucht erfolgreich, auf juristischem Weg den Neubau von Moscheen zu verhindern. Er meint in „Wir gewinnen wegen der Feigheit der Politiker“, dass nur durch Verhinderung neuer Moscheen, die Zentren für gesellschaftlich-politische Kontrolle sind, die Verbreitung staatsfeindlicher Ideologien, wie Scharia und Dschihad, bekämpft werden kann.

Individuelle Schicksale und prinzipielle Gefährdungen beschreibt Sabatina James in ihrem Interview „Über die wahre Feigheit des Westens“. James – selbst Opfer islamischer Gewalt durch ihre Konversion zum Christentum – widmet sich dem Schutz muslimischer Frauen. In ihrer Arbeit legt sie besonderes Augenmerk auf die Konflikte, denen gläubige Frauen bei ihrem Übertritt in eine „gottlose“ westliche Welt begegnen.

Eine positive Zusammenfassung dieser Interviews findet man in der Aussage Nicolai Sennels: „Wir sollten den Muslimen helfen, die sich nicht integrieren wollen oder können, ein neues Leben in einer Gesellschaft zu führen, die sie verstehen und in der sie verstanden werden. Mit anderen Worten sollten wir ihnen helfen, ein neues Leben in einem islamischen Land zu beginnen.“ (S. 16)

Lesbarkeit             ****            Brisanz/Spannung          ***
Verständlichkeit    ****            Argumentationsnutzen    *****





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