Europa braucht den Euro nicht

Mit der drohenden Staatspleite einzelner Länder hat der Traum von der Europäischen Währungsunion seinen Glanz eingebüßt und seine Risiken offenbart. Angela Merkels Diktum „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa“ versucht die Währungsfrage in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

 

Das tut auch Thilo Sarrazin in seinem neuen Buch, aber auf andere Weise und mit anderen Ergebnissen. Er zeichnet die verheerenden Resultate politischen Wunschdenkens nach und stellt die Debatte vom Kopf auf die Füße.

Mai 2012
Rezension:

Thilo SARRAZIN

Europa braucht den Euro nicht:

Wie uns politisches Wunschdenken in die Krise geführt hat

Verlag Deutsche Verlags-Anstalt, 464 Seiten, € 22,99, ISBN 978-3-421-04562-1

Nahezu täglich erfahren wir aus Medienberichten, wie es um die Finanz- und Haushaltspolitik in manchen europäischen Ländern steht, die von Beobachtern und Experten für europäische Wirtschafts- und Finanzangelegenheiten als „Problemländer“ in der europäischen Währungsunion bezeichnet werden.

Griechenlands scheinbarer Unwille, den Sparanforderungen der Europäischen Union Folge zu leisten, sowie die spanischen Banken, die Sarrazins Einschätzung zufolge den nächsten Kollaps in der EU herbeiführen könnten, seien alles hausgemachte Phänomene. So stellt Sarrazin unmissverständlich klar, dass „Griechenland durch Betrug in die Währungsunion gekommen“ sei. (S. 110).

Zu Beginn beschreibt der Autor nicht nur die Entstehungsgeschichte der Währungsunion, er liefert auch detaillierte Erfahrungsberichte, die er in seinen früheren Funktionen als ehemaliger Berliner Finanzsenator und Vorstandsmitglied der Deutschen Bank gemacht hat. Dabei hebt er die Rolle der Eigenverantwortung und die Funktion staatlicher Haushalte hervor, und gelangt zu der Erkenntnis, die er als „anthropologische Konstante des Finanzwesens“ bezeichnet. „Der Umgang mit eigenem Geld ist stets sorgfältiger und wirtschaftlicher als der Umgang mit fremdem Geld.“ (S. 294).

In detaillierten Kernaussagen hinterfragt er mehrmals die Vorteile einer gemeinsamen Währungsunion: „Währungsunionen souveräner Staaten hatten meist eine kurzlebige und selten eine glückliche Geschichte. Sie funktionierten umso besser, je ähnlicher sich die beteiligten Staaten institutionell und in ihrer Mentalität waren.“ (S. 79 ff.)

Dabei wäre es zu schlicht, die gravierenden Unterschiede zwischen den Nordländern und den Südländern der Währungsunion auf fundamentale Faktoren zurückzuführen. Dennoch bestehen Unterschiede, die man nicht leugnen könne: „Sie zeigen sich in der unterschiedlichen Qualität der Bildungsergebnisse, in der unterschiedlichen Qualität der Regierungsarbeit und der öffentlichen Verwaltung, in einem unterschiedlichen Vertrauen der Gesellschaft zum Staat und seinen Institutionen und letztlich in unterschiedlichen Wegen, gesellschaftliche Konflikte zu lösen – oder eben auch nicht.“ (S. 329).

Scharfe Kritik äußert der Autor immer wieder an der Aufgabe des sogenannten „No-Bail-Out-Prinzips“ (Verbot der Haftung für Schulden anderer Staaten) in der gemeinsamen Währungsunion. „Nachdem aber die Büchse der Pandora namens Rettungsschirm geöffnet ist und sich auch die EZB vielfältig in Rettungsaktionen verstrickt hat, ist Deutschland plötzlich in der Rolle des großen starken Bruders, der den anderen Vorschriften für ihr Verhalten macht und von dem man ein wenig Entgegenkommen, Barmherzigkeit und verständige Nachgiebigkeit fordert.“ (S. 218).

Trotz der Kritik an den Vorgängen spricht sich Sarrazin für die Sicherung des Euros aus, aber eben nicht um jeden Preis.

Fazit:

Eine schonungslos objektive Analyse eines Insiders, der in seiner Funktion als ehemaliger Berliner Finanzsenator, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank und fachökonomischer Spitzenberater von Politikern sich niemals davor scheute, unangenehme Wahrheiten auszusprechen. In seiner detaillierten Abhandlung über die Fehlentwicklungen europäischer Währungspolitik stellt er mehrmals unmissverständlich fest, dass es falsch war, eine gemeinsame Währung einzuführen. Es gibt keinen historischen Beleg dafür, dass die Größe eines Währungsgebietes nichts mit Wohlstand und Wachstum zu tun hat. Wo Auf- und Abwertungen einer Währung nicht mehr möglich sind, ist es schwer, die Wettbewerbsfähigkeit der Länder aufrechtzuerhalten.

Das Buch ist nicht immer leicht zu lesen, es gibt einige Wiederholungen, die jedoch aufgrund der komplexen Materie nicht unbedingt nachteilig sind. Die gründliche Aufarbeitung der Themenbereiche manifestiert sich auch darin, dass Sarrazin jede einzelne Quelle und Statistik, die er als Untermauerung seiner Erkenntnisse anführt, durch umfangreiche Fußnoten und Verweise dokumentiert hat. Das Ziel seines Buches, dem Leser ein fundiertes „argumentatives Rüstzeug“ zu geben, ist jedenfalls gelungen.

Lesbarkeit:             ****                                          Brisanz/Spannung:           ***      

Verständlichkeit:     ***                                           Argumentationsnutzen:     *****

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 





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