Deutschland schafft sich ab

Thilo Sarrazin analysiert die drängendsten Probleme in Deutschland und zeigt, welche Wege aus der Krise des Sozialstaats führen könnten. Er beschreibt die dramatischen demografische Verschiebungen der letzten Jahrzehnte; er warnt vor einem Sozialsystem, das keine Anreize bietet, ein selbstbestimmtes Leben zu führen; er setzt sich mit der Migrationsproblematik auseinander und legt dar, wie die deutsche Bildungspolitik die Situation eher verschlimmert als löst. Mit seinem Buch stößt Thilo Sarrazin eine wichtige Debatte zu den brennenden gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit an.

August 2010
Rezension:

Thilo SARRAZIN

Deutschland schafft sich ab: 

Wie wir unser Land aufs Spiel setzen

Verlag Deutsche Verlags-Anstalt, 464 Seiten, ca. € 23,--, ISBN 978-3-421-04430-3

Für einen immensen medialen Aufruhr hat das Erstlingswerk Thilo Sarrazins, „Deutschland schafft sich ab“, gesorgt. Nach dem Duden und der Bibel ist es mittlerweile das meistverkaufte Sachbuch der deutschen Nachkriegsgeschichte (www.taz.de).

Die demografische Entwicklung, die sich gegenwärtig in Deutschland abzeichne und politische Ursachen habe, sei besorgniserregend und verheiße für die Zukunft dieses Landes nicht viel Positives, so Sarrazin, der seine düstere Lagebeurteilung mit nüchternen Zahlen, Daten und Fakten belegt.

Eines der Hauptprobleme in Deutschland, das im Übrigen auch die deutschsprachigen Länder Mitteleuropas betrifft, sieht Sarrazin im Umstand, dass immer weniger autochthone Familien Kinder bekommen. Diese Situation entstehe oft aus mangelnden finanziellen Ressourcen deutscher Familien, die sich immer weniger Kinder leisten können – oder wollen. Statt familienfreundliche Anreize zu schaffen, antworte die deutsche Bundesregierung auf diesen eklatanten Kindermangel mit der Forderung nach einem „Mehr an Zuwanderung“ – auch hier schneidet Sarrazin ein Thema an, dass das Bildungs- und Qualifikationsproblem vieler Zuwanderer ins Zentrum seiner Beobachtungen rückt: „Ein Mehr an Zuwanderung könnte nur entlastend wirken, wenn diese auf die Qualifizierten beschränkt bleibt.“ (S. 49)

Je mehr Zuwandererkinder in bildungsferne Schichten hineinwachsen würden, desto mehr von ihnen hätten in Zukunft Schwierigkeiten, am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Diese Entwicklung sei vor allem deshalb katastrophal, so Sarrazin, weil laut seiner Analyse bereits im Jahr 2050 einem Erwerbstätigen ein Mensch im Rentenalter gegenüberstünde. Mit der verheerenden Konsequenz: „Künftige Verteilungs- und Finanzprobleme können wir gesamtwirtschaftlich nicht mehr durch Zuwachs lösen, sondern nur noch durch Umverteilung.“ (S. 37)

Da momentan in der muslimischen Bevölkerung Deutschlands viermal so viel Empfänger von Arbeitslosengeld und Hartz IV als in der deutschen Bevölkerung zu finden sind, scheint diese Prognose keineswegs aus der Luft gegriffen zu sein. Die Migration von Menschen islamischer Herkunft und die damit einhergehenden Schwierigkeiten lägen auf der Hand, so Sarrazin, der die Antwort für die Verbesserung der Integration muslimischer Migranten, die Steigerung ihrer niedrigen Erwerbsbeteiligung und Verringerung ihrer Abhängigkeit von Sozialtransfers im Dreiklang sieht, konkret handelt es sich um Sprachförderung, frühkindliche Erziehungsmaßnahmen und entsprechende Bildungsangeboten. „Hilfsangebote müssen sein. Aber sie müssen einen eindeutigen Aufforderungscharakter haben.“ (S. 327) Die aufnehmende Gesellschaft solle eine klare Erwartungshaltung als Willkommenskultur vermitteln.

Da Integration eine Bringschuld sei, müsse diese Pflicht auch jeder einzelnen Person in öffentlichen Ämtern und Positionen bewusst werden: „Diese Erwartungshaltung müssen der Sachbearbeiter im Sozialamt, die Erzieherin in der Kita und die Lehrkraft gleichermaßen nicht nur verbal zum Ausdruck bringen, sondern täglich vorleben.“ (S. 327) Der gemeinsame Tenor solle lauten: Wer sich legal im Land aufhält, die Sprache lernt, seinen Lebensunterhalt verdient, seinen Kindern einen Bildungsehrgeiz vermittelt und sich an die Sitten und Gebräuche vor Ort anpasst, sei willkommen. „Wer Türke oder Araber bleiben will und dies auch für seine Kinder möchte, der ist in seinem Herkunftsland besser aufgehoben. Und wer vor allem an den Segnungen des deutschen Sozialstaates interessiert ist, der ist bei uns schon gar nicht willkommen“ (S. 326)

Schnell wird dem Leser und der Leserin des Buches bewusst, dass sämtliche Aussagen Sarrazins nicht auf unbegründeten Schreckensszenarien beruhen, sondern detailliert mit statistischem Material belegbar sind. Sarrazin versteht es, das an sich trockene Zahlenmaterial so aufzubereiten, dass komplizierte Zusammenhänge verständlich werden und seine Schlussfolgerungen auch ökonomische Laien zu überzeugen vermögen.

Wenn es nicht gelänge, die Geburtenrate in Deutschland zu steigern, werde in wenigen Jahrzehnten eine gesellschafts- und demografiepolitische Entwicklung Platz greifen, welche die im Buch prognostizierten Bevölkerungsverschiebungen unumkehrbar mache. Sarrazin äußert sich realistisch: „Hebel und Ansatzpunkte [...] [für Veränderungen] gibt es, man muss sie allerdings auch bedienen wollen. Dafür sehe ich in Deutschland gegenwärtig leider weder gesellschaftliche noch politische Mehrheiten" (S. 373). Politische Maßnahmensetzungen müssten daher jetzt stattfinden, andernfalls werde sich Deutschland – wie der Buchtitel bereits sagt – selbst abschaffen. Bliebe noch hinzuzufügen: Und was für Deutschland gilt, gilt auch für Österreich.

Fazit:

Warum schreibt Sarrazin ein solches Buch? Aus Lust an der Selbstvermarktung? Wohl kaum. Wer dieses Buch bis zum Ende gelesen hat, erkennt, welche Beweggründe der Autor beim Verfassen dieses umfassenden Werkes hatte: Die Sorge um die Zukunft Deutschlands und die berechtigte Angst vor dem Untergang des deutschen Sprach- und Kulturraumes. Dieses Buch regt zum Nachdenken an und liefert gleichzeitig Lösungen und Auswege aus einer besorgniserregenden Entwicklung, die vielleicht noch zu stoppen wäre.

Lesbarkeit:             ****                              Brisanz/Spannung:           ****     

Verständlichkeit:     *****                            Argumentationsnutzen:     *****





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