Brennpunkt Traiskirchen

»Es gab eine Woche, in der wir fünfzig Tonnen an freiwilligen Spenden entsorgen mussten. Die Flüchtlinge wollten keine Kleidung und kein Essen mehr, weil sie einfach schon genug hatten.« Franz Schabhüttl, 26 Jahre im Flüchtlingslager Traiskirchen tätig und 13 Jahre dessen Leiter, legt mit dem Eintritt in den Ruhestand keine Abrechnung vor. Er informiert vielmehr darüber, was abseits des Fokus der Medien und der Nichtregierungsorganisationen im Asylsystem wirklich passiert. Der Spitzenbeamte des Innenministeriums zeichnet dabei ein facettenreiches Bild von der staatlichen Flüchtlingsarbeit, das die Öffentlichkeit so noch nie gesehen hat. Ein erhellendes Buch über den Alltag im Asylsystem, Politiker, die es als Projektionsfläche für die eigene Parteipolitik missbrauchen, und die wahren Schattenseiten der Migration.

März 2017
Rezension:

Franz Schabhüttl, Andreas Wetz

Brennpunkt Traiskirchen

Protokoll aus dem Inneren des Asylsystems

Verlag edition a, 261 Seiten, ISBN 978-3-990001-217-8, € 21,90

Derzeit erobern nach überwiegend eisigem Schweigen über die sogenannte Flüchtlingskrise dankenswerter-weise informative Bücher den Markt. Eines der hierfür wichtigsten Neuerscheinungen am österreichischen Büchermarkt ist zweifellos das vom nunmehr pensionierten Leiter des Flüchtlingslagers Traiskirchen vorge-legte Buch. Traiskirchen steht wie kein anderer Ort als Synonym für Flucht, Flüchtling und – so wie medial transportiert – für Elend und Not, dass dies fernab der Realität ist, stellt Franz Schabhüttl gemeinsam mit seinem Co-Autor Andreas Wetz eindrucksvoll und unaufgeregt dar.

Gleich im Vorwort betont der Autor, dass für ihn „nicht Asylwerber, die ins Kriminelle abgleiten, das Problem [sind], sondern hauptberufliche Straftäter, die den Asylweg gezielt für ihre Zwecke missbrauchen“ (Seite 10 f.). Er sieht es als die Aufgabe des Staates, auf schnellstem Wege herauszufinden, wer ein rechtmäßiger Asyl-werber ist. Eben dieses Versagen des Staates, dass die Grenzen trotz der sich anbahnenden Menschen-ströme offengelassen wurden, wird für die Bevölkerung zunehmend untragbar.

Ehrenwert erscheint Schabhüttls Aussage, dass Basis für seine Arbeit und Handeln ausschließlich die in Österreich geltenden Gesetze waren (vgl. Seite 10). Hier ist Schabhüttl zu bedauern, denn der Ansturm aus dem Jahr 2015, den er im Lager Traiskirchen zu verwalten hatte, basierte auf massivem Gesetzesbruch seitens der Regierung durch das Offenhalten der Grenzen ohne jegliche Einreisekontrolle. Schabhüttl musste also diesen Gesetzesbruch auf Basis geltender, aber de facto außer Kraft gesetzter Gesetze verwalten. Ein Irrsinn, mit dem die Steuerzahler und Wähler sowie deren Nachkommen noch viele Jahrzehnte zu tun haben werden. Ihm ist zugute zu halten, sich an diesem Gesetzesbruch nicht beteiligt, sondern streng nach dem Gesetz gehandelt zu haben, und ihm ist diesbezüglich nichts vorzuwerfen, ja, nach seinen Schilderungen müssen wir für seine Standfestigkeit sogar dankbar sein.

Schabhüttl hatte es wahrlich nicht leicht in seiner Zeit als Leiter der sogenannten Bundesbetreuungsstelle Traiskirchen, wie das Flüchtlingslager auf Amtsdeutsch genannt wird. Er sah sich in einem Minenfeld von Politik, Medien, NGOs mit eigener Agenda und Privatpersonen, die allesamt meinten, Gutes für die Menschen in Traiskirchen zu tun. Dies ging jedoch oftmals gehörig schief und endete in hohen Zusatzkosten für die Steuerzahler oder in enormen Müllmengen, die aufgrund von Falschberichten der ihre eigene Agenda betreibenden NGOs, wie der Caritas oder des Roten Kreuzes, im September 2015 – dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise – auf 145 Tonnen stiegen. Diese stattliche Zahl inkludierte zu 95 % freiwillige Spenden an Essen und Kleidung, und Schabhüttl erläutert dazu: „Die Flüchtlinge wollten keine Kleidung und kein Essen mehr, weil sie einfach schon genug hatten.“ (Seite 203) Viele hilfsbereite Bürger „spendeten Gebrauchtes und kauften Neuware“ (Seite 204), dabei gab es die gespendeten Güter vor Ort. Die medial aufgebauschte, vermeintliche Unterversorgung der Flüchtlinge wurde von den NGOs dazu verwendet, Stimmung in der Bevölkerung zu erzeugen, etwas, was gerade diese NGOs umgekehrt anderen, wie z.B. der FPÖ, vorwerfen.

Überhaupt spart Schabhüttl in seinem „Protokoll aus dem Inneren des Asylsystems“ nicht mit Kritik an diversen Beteiligten, wie z.B. an Bürgermeistern, vorgesetzten Innenministern, „Gemeinnützigen“ bzw. NGOs, darunter v.a. Amnesty International und Caritas. Einiges, wovon er erzählt, hatte sich bereits den Weg in die Öffentlichkeit gebahnt, allerdings mangelte es oftmals an der Sichtweise des Leiters des Erstaufnahme-zentrums aufgrund ministerieller Maulkörbe (vgl. Seite 138). Dieses Buch macht nunmehr die fehlende Seite zugänglich, z. B. wird geschildert, dass die Arbeit des von der Regierung installierte Flüchtlingsbeauftragten, dem früheren Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad, medial völlig anders dargestellt als offensichtlich vor Ort in Traiskirchen wahrgenommen wurde.

Auch mit den Medien geht Schabhüttl hart ins Gericht. Er „hatte alle“ (Seite 253), er gab hunderte Interviews, zeigte Transparenz, trotzdem erlebte er oftmals ein Aha-Erlebnis, wenn „sein“ Interview, das er aber niemals gegeben hatte, in einer Zeitung erschien. Auch stellen die illegal in das Lager eindringende Journalisten für ihn ein großes Problem dar, zumal deren Berichte für ein verzerrtes Bild in der Öffentlichkeit sorgten, z.B. saßen nach Schabhüttl Aussagen die Flüchtlinge nicht „ausharrend und vernachlässigt“ am Boden, wie medial berichtet, sondern „wartend auf die Ausgabe des Mittagessens.“ (Seite 258)

Fazit:

Ein Buch, das von allen Interessierten gelesen werden sollte, auch von jenen, die Traiskirchen als Asyl-betreuungsstelle kritisch gegenüberstehen oder oftmals als gescholtenen Gutmenschen gelten. Dieses Buch zeigt auch klar und deutlich die zwiespältige Rolle der Medien und der NGOs auf. Franz Schabhüttl ist es zu verdanken, dass die interessierte Öffentlichkeit nun die Möglichkeit erhält, sich abseits der Mainstream Medien ihre eigene Meinung zu bilden, indem er mutig und ehrlich versucht, gemeinsam mit seinem Co-Autor, seine Sicht der Vorkommnisse während seiner Dienstzeit im Flüchtlingslager Traiskirchen darzulegen.

 

Lesbarkeit:                       ****                          

Verständlichkeit:               ****

Brisanz/Spannung             *****

Argumentationsnutzen      *****

 

 

 

 





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