Die Welt aus den Fugen

Die Weltpolitik gleicht derzeit einem aufziehenden Gewittersturm. Ob in Afrika oder Lateinamerika, in Arabien oder im Mittleren Osten – überall braut sich Unheilvolles zusammen. Und auch der Westen – Europa und die USA –, einst Hort der Stabilität, wird von Krisen heimgesucht wie seit langem nicht. Peter Scholl-Latour, Spezialist für turbulente Großwetterlagen, kennt die Welt wie kein Zweiter. Vor dem Hintergrund seiner sechzigjährigen Erfahrung als Chronist des Weltgeschehens beleuchtet er in seinem neuen Buch die Brennpunkte der aktuellen Weltpolitik.

 

Oktober 2012
Rezension:

Peter SCHOLL-LATOUR

Die Welt aus den Fugen

Betrachtungen zu den Wirren der Gegenwart

Propyläen Verlag, 388 Seiten, ca. € 26,00

 

Der Autor, Jahrgang 1924, blickt auf einen beeindruckenden jahrzehntelangen Lebenslauf als Journalist, Auslandskorrespondent, Medienherausgeber und politischer Sachbuchautor zurück. Seine Werke zählen zum Standard der Berichterstattung und waren stets Bestseller.

In seinem neuesten Buch widmet Peter Scholl-Latour sein Augenmerk den globalen Wirren des angehenden 21. Jahrhunderts und arbeitet, neben einer fundierten Analyse der Hintergründe, die geopolitischen Folgen der nahen Zukunft heraus. Aufgrund seiner reichen Erfahrungen, seiner Ambition, den Sachen auf den wahren Grund zu gehen, kann es sich Scholl-Latour wahrlich leisten, die Krisen mit der ihm eigenen Gelassenheit zu beschreiben.

Dem heutigen Trend, Staaten, Regionen, Religionen und Völker aus der Perspektive der „aufklärerischen Intoleranz“ zu bewerten, erteilt der Autor eine klare Absage. Ebenso dem Kasino-Kapitalismus, vornehmlich in angelsächsischen Banken und Mega-Konzernen betrieben, dessen globales Auftreten sich als Giftblase entpuppt.

So entsteht im Kopf des Lesers eine neue, eine andere geopolitische Landkarte der Gegenwart, die die Herausforderungen der Zukunft trotz aller Komplexität klar erkennbar machen.

Die westliche Welt, allen voran die Vereinigten Staaten, gefolgt von den unter der pompösen Bezeichnung „Internationale Staatengemeinschaft“ segelnden Europäern, machten sich bereits vor rund 20 Jahren auf, die „Guten“ zu belohnen und die „Bösen“ zu bestrafen.

Die schier unerschöpflichen Waffenarsenale des Westens scheiterten nicht nur an der neuen „asymmetrischen Kriegsführung“, ähnlich dem Partisanen- und Guerillakrieg, sondern auch aufgrund der Ignoranz fremden Kulturkreisen gegenüber.

Begeben wir uns auf eine Reise auf dieser geopolitischen Landkarte!

Beginnen wir in Tunesien, Ägypten und Libyen, den Staaten des „Arabischen Frühlings“, die ihre korrupten Regime in relativ kurzer Zeit beseitigten, in Libyen allerdings nur durch massives militärisches Eingreifen des Westens.

Nach der Flucht, Absetzung bzw. Hinrichtung der ehemaligen Machthaber bildeten sich hunderte neue Parteien. In den folgenden Wahlen in Tunesien und Ägypten ging die Mehrheit an mehr oder weniger fundamentalistische Islamisten.

Die Erwartung, demokratische Strukturen würden nach westlichen Maßstäben entstehen, erwies sich als trügerisch, in Tunesien mehren sich Übergriffe radikaler salafistischer Gruppen, Ägypten hat noch immer keine Verfassung , die die Kompetenzen des Präsidenten und die Auslegung des Staates in Zukunft darlegt und Libyen ist ohne Zentralmacht in die Herrschaft der Stämme zerfallen, die nach Plünderung der Waffenarsenale über eine ansehnliche Bewaffnung verfügen.

In allen drei Ländern hatten die westlichen Geheimdienste in ihrer lückenlosen Beobachtung der Entwicklungen kläglich versagt, die Regierungen der „Staatengemeinschaft“ sind ratlos.

Im gegenwärtigen Bürgerkrieg in Syrien sieht Scholl-Latour immense Gefahren für das Land selbst, wie auch für die gesamte Region Vorderasiens, heraufdämmern.

Die Rebellion gegen das Assad-Regime erfährt massive politische, mediale und militärische Unterstützung des Westens und der arabischen Staaten unter Führung des wahabitischen Königshauses Saudi Arabiens.

Im Widerstand gegen die hochgerüstete syrische Armee sieht Scholl-Latour das Einsickern kampferprobter Gotteskrieger aus anderen islamischen Regionen. Ein Sturz des Regimes hätte nach Meinung des Autors nicht nur ein ungeahntes Gemetzel an der regierenden Minderheit der Alawiten zur Folge, auch ein Übergreifen auf die labilen Verhältnisse im Libanon und dem Irak wäre nicht abzuwenden.

Die schiitische Hisbollah spielt im Libanon die führende Rolle, der Irak verfügt über eine schiitische Bevölkerungsmehrheit und auch über die Mehrheit im Parlament. Der schiitisch-islamische Iran strebt nach – folgt man der Logik – einer hegemonialen Macht von den Grenzen zu Afghanistan bis zum Mittelmeer.

Diesem schiitischen Block stünde die sunnitische Mehrheit der Moslems entgegen, von Marokko über die arabische Halbinsel, Teilen des Iraks, Afghanistan und Pakistan. Eine Nord-Süd-Konstellation, der der Westen, aber auch Mächte wie Russland und China machtlos zusehen müssten.

Auch für China und Russland stellt sich der Islam als grundlegende Frage, zumal sich der südliche Teil der ehemaligen Sowjetunion als selbstbewusste islamische Staaten sieht  (Kasachstan, Usbekistan, Kirgistan).

Auch in den Nordprovinzen Chinas ist eine fortschreitende, jedoch (noch) nicht politische Islamisierung festzustellen.

Ein besonderes Augenmerk lenkt Scholl-Latour auf die Entwicklung in Pakistan und sieht hier das größte zukünftige Risiko.

Mit 180 Millionen Einwohnern gleicht Pakistan einem brodelnden Kessel. Der unzugängliche Norden des Landes scheint unter keiner Kontrolle der Zentralregierung mehr zu stehen und dient zunehmend als Aufmarsch- und Rückzugsgebiet für afghanische Kämpfer und Terrorgruppen, die – nebenbei angemerkt – einen geordneten Rückzug der amerikanischen und europäischen Truppen nahezu unmöglich machen.

Dass Pakistan über Atomwaffen verfügt, stellt für Scholl-Latour zurzeit noch keine relevante Gefährdung dar, da diese Waffen nur der üblichen Abschreckung zur Atommacht Indien dienen. Kämen diese Waffen, auch nur Teile davon, in die Hände von Terrorgruppen, wären die Folgen aber nicht mehr absehbar.

Was kann nun der Westen diesen Entwicklungen entgegenhalten?

Es stellt sich die Frage, ob der Westen über die Wirtschafts- und Finanzstrukturen verfügt, die der neuen und kommenden Weltlage noch gewachsen sind.

Deutschland ist nicht mehr Exportweltmeister, die USA haben über 2 Billionen US Dollar Schulden bei China. Trotzdem scheint es, dass dem stetigen Wachstum Chinas politisch noch nicht der zustehende Stellenwert eingeräumt wird.

Der Iran wäre im Streit wegen seiner Atomwaffenambitionen nach einer Bombardierung durch die USA – weniger wahrscheinlich durch Israel – jederzeit mit herkömmlichen Waffen in der Lage, die Straße von Hormus, durch die 40 % des Erdölbedarfs Europas verschifft wird, auf unbestimmte Zeit zu blockieren.

Bleiben wir bei Europa!

Nicht die Terrorgefahr durch islamische Terroristen ist die Gefahr Nummer 1. Scholl-Latour sieht vielmehr die demoskopische Entwicklung Europas an erster Stelle. Europa wurde zum Fluchtpunkt Afrikas.

Die ehemaligen Machthaber Nordafrikas verpflichteten sich gegenüber der EU, die Migrantenströme aus ihren eigenen Ländern wie auch aus der Sahelzone zu unterbinden, wenn nötig auch mit Polizeimethoden. Allein Algeriens Bevölkerung wuchs seit 1960 von 8 auf 30 Millionen. Diese Vereinbarungen wurden durch die letzten Ereignisse obsolet.

Immer größere Massen von Migranten folgen dem Trugbild des zu erwartenden Wohlstandes in Europa, viele von ihnen finden im Mittelmeer den Tod.

Die kommende Moderne des Orients wird nicht unsere Moderne sein, mahnt Scholl-Latour eindringlich.

Der Übergang des „Arabischen Frühlings“ in einen „Arabischen Winter“ stellt Europa bei den zu erwartenden Tumulten vor Belastungen, denen es nicht gewachsen wäre.

„Das Abendland ist in keiner Weise gewappnet, den arabischen Ungewissheiten mit Gelassenheit, Selbstbewusstsein, Sachkenntnis und auch mit der nötigen Sympathie zu begegnen. In Zukunft wird es kein Monopol der Macht geben, das amerikanische Zeitalter ist zu Ende. Was nicht bedeutet, dass die USA machtlos wären, aber in 20 Jahren ist zu rechnen, dass China die USA als Weltmacht hinter sich gelassen hat.“

 

Lesbarkeit                 ***                                       Brisanz/Spannung           ***

Verständlichkeit        ****                                     Argumentationsnutzen     ****

 

 

 

 

 





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