Re-Ottomanisierung Südost-Europas

Die Re-Ottomanisierung Südost-Europas ist in der Tat beobachtbar und schlägt sich in einer neuen Rolle der Politik der Erdoğan-Türkei nieder. In der vorliegenden Publikation wird die Entwicklung des Ottomanischen Reiches und die Gründung der laizistischen Republik Türkei im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts beschrieben sowie die Politik der Türkei unter dem Einfluss der türkischen Fortschrittspartei AKP in den letzten Jahren analysiert. Die Wechselwirkungen, denen Südost-Europa ausgesetzt ist, werden auch anhand des Szenarios nach den Jugoslawien-Kriegen der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts und der daraus resultierenden nationalstaatlichen Neuaufstellung betrachtet.

Die besondere Positionierung der Türkei, welche einerseits Mitglied der NATO und nach den USA deren größter Truppensteller ist – wobei sie mit den USA kooperative und spannungsgeladene Beziehungen zugleich unterhält – und andererseits eine Politik der betonten Islamisierung der Gesellschaft betreibt, wird detailliert aufgearbeitet.

Eine spezielle Beachtung findet auch der Umstand, dass Arbeitsmigration von der Türkei nach Mittel-Westeuropa dortselbst Spannungen und Parallelgesellschaften zur Folge hat. Die Türkei scheint ihre Auswanderer und deren Nachkommen als eine Art Auslandskolonie zu betrachten, deren Schutzmacht zu sein sie sich aufschwingt. Entsprechende Institutionen des Staates sind grenzüberschreitend aktiv, was auch die ausgeprägte Anteilnahme vieler Türken im Ausland oder türkischstämmiger Inländer an Fragen der türkischen Innenpolitik erklären mag (Stichwort: Pro-Erdoğan-Demonstrationen überall in Mitteleuropa).

Welche Rolle die Türkei in der sensiblen Region wahrzunehmen hat, wo orientale, okzidentale und russisch-slawische Einflüsse zusammenkommen, beschäftigt bereits weite Bereiche der europäischen Außenpolitik. Die Türkei als historisch gewachsene Nation mit derzeit über 70 Millionen Einwohnern und einer der größten Agglomerationen Europas, nämlich Istanbul an der Kontinentalgrenze von Europa und Asien, stellt für die EU eine durchaus ernstzunehmende wichtige Größe, vor allem in militärischer und wirtschaftlicher Hinsicht, dar. Die USA würde auch gerne die EU-Mitgliedschaft der Türkei sehen, was aber im offenen Gegensatz zum Wunsch vieler Menschen in der EU und neuerdings in der Türkei selbst steht. Mehr als eine privilegierte Partnerschaft im Rahmen eines gemeinsamen Wirtschaftsraumes ist kaum vorstellbar, zu stark sind die Unterschiede zwischen dem modernen westlichen Abendland und den politischen Islamisierungsbestrebungen des Orients.

 

März 2014
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